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Holocaustgedenktag 27. Januar

© Hans-Georg Vorndran / fundus.ekhn.deAuf dem Foto ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin von schräg oben zu sehen. Das Denkmal besteht aus unzähligen grauen, grabsteinartigen Blöcken, welche sich in Höhe und Breite voneinander unterscheiden. Das Denkmal ist begehbar und einige Menschen sind zu sehen, welche das Denkmal durchschreiten.

Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. Am Sonntag (25.1.) fand ein Ökumenischer Gottesdienst zum Holocaustgedenken in der Pauluskirche statt. Hier sind die Texte (Litanei und Predigt) zum Nachlesen. Kirchenpräsidentin Christiane Tietz hebt in einem schriftlichen Beitrag die "bleibende Verantwortung in der Gegenwart" hervor (hier auch zum Nachlesen).

Texte zum Holocaustgedenktag 27. Januar

Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. Er geht zurück auf den 27. Januar 1945, an dem das Konzentrationslager Ausschwitz befreit wurde, in dem fast eine Million Juden und Jüdinnen, insgesamt mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet worden waren. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, seit 2005 internationaler Holocaust-Gedenktag.

Am Sonntag, 25. Januar 2026, fand ein Ökumenischer Gedenkgottesdienst zum Holocaustgedenktag in der Pauluskirche, initiiert von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Darmstadt, statt. Die Predigt hielt Dr. Annette Wiesheu, Studienleiterin an der Akademie des Bistums Mainz in Darmstadt. Die Liturgie gestalteten die evangelische Vorsitzende der GCJZ Darmstadt, Pfarrerin i.R. Ulrike Schmidt-Hesse, und der katholische Vorsitzende, Pastoralreferent Bernd Lülsdorf. Musikalisch gestaltete Kantor Lukas Euler den Gedenkgottesdienst. Hier können die Texte nachgelesen werden:

Gedenken: Litanei (von Ulrike Schmidt-Hesse und Bernd Lülsdorf): hier

Predigt über Kohelet 8, 10-14.17 von Dr. Annette Wiesheu: hier

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Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2026 erinnert Kirchenpräsidentin Christiane Tietz an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 81 Jahren und hebt die bleibende Verantwortung in der Gegenwart hervor.

Beitrag der Kirchenpräsidentin zum Holocaustgedenktag: hier

„Verantwortung tragen, dass sich dieses Grauen nicht wiederholt“
Von Prof. Dr. Christiane Tietz 

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem wir in der Schule den Film „Nacht und Nebel“ ansahen. Der französische Dokumentarfilm zeigt Bilder, welche die Alliierten 1945 bei der Befreiung der Konzentrationslager gemacht haben. Er verbindet sie mit Aufnahmen aus Auschwitz von 1955, bei denen Gras zwischen den Gleisen wächst. So will der Regisseur Alain Resnais deutlich machen: Diese Zeit ist nicht abgeschlossen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass sich dieses Grauen nicht wiederholt. 

Die ausgemergelten Menschen auf den kargen Holzpritschen, ihre großen, leeren Augen und die Berge von Leichen – die Bilder zerrissen mein jugendliches Herz. Der Anblick der Gaskammern und Verbrennungsöfen zur industrialisierten Massenvernichtung von Menschen machten mich erschaudern. Seitdem lassen mich die Fragen nicht los: Wieso konnten Menschen andere Menschen wie Vieh in Güterwaggons einpferchen, ohne Mitgefühl für die Angst in ihren Gesichtern? Was machte ihr Herz so unempfindsam, dass sie an der Rampe in Ausschwitz die Aussteigenden sortieren konnten in die, die gleich in die Gaskammern kamen, und die, die sich elendig zu Tode schuften oder verhungern mussten? Was brachte sie dazu, sechs Millionen Jüdinnen und Juden, 500.000 Sinti und Roma und vielen anderen Menschen ihr Recht auf Leben zu nehmen? Was ist der Mensch für ein Wesen, dass er anderen Menschen so etwas antun kann?

Seit diesem Tag beschäftige ich mich wieder und wieder mit dem Nationalsozialismus und seinem Programm der Entmenschlichung anderer Menschen. Vor einigen Jahren war ich selbst im Konzentrationslager Auschwitz. Mich schockierte, dass die deutschen Aufseher feinsäuberlich Formular um Formular ausgefüllt hatten, um ihre Quälereien formal korrekt zu dokumentieren: „Der Gefangene B. hat am 4. Januar 1943 um 11.34 Uhr versucht, sich am elektronischen Zaun im Abschnitt Z. das Leben zu nehmen; dafür hat er 40 Stockschläge bekommen.“ Datum. Dienstgrad. Unterschrift. 

Hatten die Wärter gemeint, dem Unrecht, das sie anderen antaten, so den Charakter von Recht verleihen zu können? Es war wohl schlimmer. Durch die nationalsozialistische Abwertungs- und Entmenschlichungspolitik hatten sie schon längst jedes Unrechtsempfinden verloren und konnten, was sie taten, einfach als bürokratische Vorgänge verbuchen. 

Aber wie was das möglich geworden? Die großen Haufen von Brillen und Schuhen der Toten, die man in Auschwitz gesammelt hat, zeigten doch, dass hier Menschen systematisch ermordet worden waren. In diesen Schuhen hatten ihre Füße gesteckt, mit denen sie in die Schule und an die Arbeit gegangen waren. Sie hatten mit diesen Brillen Bücher gelesen, anderen Menschen ins Angesicht geschaut und sie abends beim Schlafengehen auf den Nachttisch neben ihrem Bett gelegt.

Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau stand ich an der berüchtigten Rampe und sah die Reste der Gasöfen. Das Lager mit seinen riesigen Ausmaßen war mir ein Sinnbild für die Einmaligkeit der Shoah. Immer und immer wieder die Frage in mir: Was war mit den Wärtern und Ärzten passiert, dass sie nicht sahen und nicht hörten und nicht fühlten, was sie ihren Mitmenschen hier antaten? Wie konnte es dazu kommen, dass man Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und viele andere Menschen so entmenschlichte? Und: Wie kann verhindert werden, dass es jemals wieder dazu kommt? 

Seit dem 7. Oktober 2023 mit dem grauenhaften Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel hat in Deutschland der Antisemitismus in erschreckender Weise zugenommen. Jüdische Menschen in Deutschland überlegen sich, bevor sie das Haus verlassen, ob sie ihren Davidsstern sichtbar tragen. Kinder, die auf eine jüdische Schule gehen, wollen dies am liebsten nicht verraten. Ebenso hat der Antiziganismus in den letzten Jahren wieder zugenommen wie auch die Diskriminierung und der unverhohlene Hass gegen andere gesellschaftliche Minderheiten. Mich entsetzt das.

Der heutige Gedenktag ermahnt uns dazu, dafür berührbar zu bleiben, dass heute hier in Deutschland ganze Menschengruppen unter Diskriminierung, Verächtlichmachung und Abwertung leiden. Er ermahnt uns, dem mutig entgegenzutreten. Überall, wo wir das Mitgefühl für das Leid eines Menschen verlieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Und zwar ganz gleich, um wen es sich handelt.

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